APRIL 30TH, 2010
By ADMIN
Das von unserem Verband veranstaltete und von Marcy Goldberg moderierte Podiumsgespräch mit dem Titel: “Preise machen noch kein Publikum!” ist als Audio-File bei www.art-tv.ch aufgeschaltet. Weitere Panels in Zusammenarbeit mit art-tv:
Locarno 2009
Nyon 2009
Locarno 2008
APRIL 25TH, 2010
By ADMIN
Wie das Wetter
Pünktlich zu den Solothurner Filmtagen kriechen Kälte und Nebel über die Nordschweiz, als wolle das Wetter dem schon traditionellen Jammern über den Schweizer Film den atmosphärischen Hintergrund liefern. Nur eine Kaste heult noch lauter als der Wind und die Wolfsmeute der Filmschaffenden, und das sind jene, die über sie berichten. Nicht einmal das Filmfestival von Locarno erhält so viel Presse wie Solothurn – was auch daran liegen mag, dass die Ambassadorenstadt selbst für kleine Budgets erschwinglich ist: Nach Solothurn können die meisten pendeln. Darum also sind die Filmtage nicht nur Publikumsmagnet und Branchentreffen, sondern auch das grösste Stelldichein der Schweizer Filmkritik. Oder dessen, was von ihr übrig ist.
Einiges war in den letzten Wochen (auch in der WOZ) über die Krise der Filmpublizistik zu lesen, doch in den Überblicken gehen die Details verlo ren – in denen die Tücke liegt. Denn das Sterben des Filmjournalismus gründet nicht nur in den mörderischen Sparübungen der grossen Verlagshäuser. Die wahre Misere spielt sich im Kleinen und bei den Kleinen ab. Bei den Regionalblättern, die für ihre Kulturseiten auf Agentur- und PR-Material zurückgreifen, und bei den freischaffenden KritikerInnen, die längst den grössten Teil der veröffentlichten Filmbesprechungen liefern – auch in den grossen, überregionalen Blättern.
Um nicht zum x-ten Mal das Klagelied der sinkenden Honorare und des schrumpfenden Absatzmarktes anzustimmen, soll hier zur Abwechslung das Lied vom täglichen Kleinkram gesungen werden, das kaum melodischer klingt. Denn der Alltag jener Unverdrossenen, die trotzdem noch über Filme schreiben, wird nicht nur durch die wirtschaftlichen Probleme erschwert, sondern auch ausgerechnet von jenen, die von den Artikeln am meisten profitieren: den Kinoketten, den grossen Verleiher Innen und einigen überängstlichen FilmemacherInnen.
So kommt man zwar mit einem Presseausweis gratis in fast jedes Museum auf der ganzen Welt und auch in quasi jedes Theater, fürs Kino aber müssen die FilmkritikerInnen voll bezahlen. Das war nicht immer so. Bis vor einigen Jahren erhielten immerhin die Mitglieder des SVFJ, des Schweizerischen Verbands der Filmjournalistinnen und Filmjournalisten, gegen 90 Franken den Procinema-Passepartout, dank dem sie gratis ins Kino konnten. Mit dem Hinweis, dass die JournalistInnen alle Filme in Pressevorführungen visionieren könnten, wurde diese Vereinbarung auf Initiative einiger grosser KinobesitzerInnen gekündigt. Doch auch das Privileg, täglich bis zu sechs Stunden gratis, aber auch unbezahlt, in Visionierungen zu sitzen, um fachlich à jour zu bleiben, ist am Bröckeln.
Mittlerweile demonstrieren die grossen Verleiher ihre Geringschätzung für die Presse mit Visionierungen, die so kurz vor dem Filmstart stattfinden, dass nur noch Tageszeitungen rechtzeitig berichten können. Zutritt zu den heiligen Hallen erhält man oft nur noch gegen Anmeldung mit Passwort im Internet, nach peniblem Abtasten vor dem Kinosaal und nachdem man Handy und Handtasche böse dreinblickendem Sicherheitspersonal abgegeben hat. Till Schweigers «Zweiohrküken» bekam nur eine auserlesene Schar wohlwollender JournalistInnen zu Gesicht – als ob so schlechte Kritiken verhindert werden könnten! Am 18. Februar startet in den Schweizer Kinos «Die Zeiten ändern dich» mit dem deutschen Rapper Bushido, ohne dass der Film je der Presse gezeigt worden wäre. Die Fans werden ihn auch ohne die analytischen Betrachtungen der ExpertInnen sehen wollen. Kritik ist unerwünscht und offenbar auch machtlos. Ein Boykott solcher exklusiv (nicht) gezeigter Filme lässt sich nirgendwo durchsetzen. Weder sind die Chefredaktionen bereit, nicht über den neusten Bond, den letzten Tom Cruise zu berichten, noch könnten es sich die Freien leisten, auf das mickrige Zeilengeld zu verzichten. Klar, stürzen sie sich in Solothurn auf jedes sichtbare Häppchen «Zelluloid» und schreiben halt übers Wetter, wenn der Film dann doch nichts taugt.