Annette Scharnberg in der BaZ vom 03. 02. 2010

Lesen lernen
Nur wer Bushido sprechen will, darf auch seinen Film sehen
ANNETTE SCHARNBERG

Diese Woche startet «Zeiten ändern dich» – das filmische Leben des deutschen Hip-Hop-Stars Bushido. Vielleicht ist das Biopic sehenswert. Vielleicht auch nicht.

«Von wegen Zeiten ändern sich, Zeiten ändern dich», heisst es in einem Song des deutschen Hip-Hoppers Bushido. Tatsächlich aber ändern sich auch die Zeiten. Im Gegensatz zu früher hält es das Gespann Bernd Eichinger (Produzent) und Uli Edel (Regisseur) von der mächtigen Produktionsfirma Constantin Medien, das zuletzt den «Baader Meinhof Komplex» realisierte, heute nicht mehr für nötig, sein Werk der Presse vorzustellen. So entschloss man sich, weder der deutschen noch der Schweizer Presse den Bushido-Film vorab zur Kritik vorzuführen. Wozu auch? Ein Publikum wird «Zeiten ändern dich» finden, und offensichtlich gehen Eichinger, Edel und Co. Davon aus, dass dieses Publikum keine Zeitung liest. Lesen kann?

«Zeiten ändern dich» kündigt sich als Biopic des 31-jährigen Berliner Hip-Hoppers Bushido an. Es durfte nur einen Blick in den Film werfen, wer Herrn Bushido interviewt. Diese Unart, Filmkritiker an ihrer Arbeit zu hindern und stattdessen die Lifestyle- und People-Berichterstattung zu nutzen, breitet sich aus. Til Schweiger entzog den Kritikern generell sein Vertrauen in ihre Kompetenz, einen Film zu beurteilen, und weigert sich grundsätzlich, der deutschen Presse seine Filme vorzuführen. Er hat es nicht gern, wenn jemand seine Filme nicht gern hat.

KEINE ZEIT. So können wir also keine Kritik über «Zeiten ändern dich» liefern. Wir wissen nicht, wie sich Hannelore Elsner als Bushidos Gettomutter durchschlägt, wie Moritz Bleibtreu als ein gewisser Arafat agiert oder wie Bushido sich selbst als Bushido mimt.

Sicher ist aber, dass das kein Einzelfall ist. Nächste Woche bereits müssen die BaZ-Leser erneut auf eine Filmbesprechung verzichten – diesmal von «The Wolfman» mit Benicio del Toro und Anthony Hopkins, da zwischen der Pressevorführung und dem Startdatum ein halber Tag liegt.

Was Universal Pictures, der Verleiher des Films, damit bezweckt, konnte oder wollte der Pressebetreuer nicht beantworten. Anzunehmen ist, dass sich Universal erhofft, keine Kritik lesen zu müssen, sondern eine Inhaltsangabe von «The Wolfman». Die fällt weniger negativ aus. Und für mehr fehlt die Zeit. Bushido selbst hat seine Chance genutzt und sich aus der Gosse gerappt. Bleibt zu hoffen, dass seine Fans ebenfalls eine Chance bekommen, zum Beispiel auf eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Produkten, die sie vorgesetzt bekommen. Eichinger und Co. haben daran kein Interesse. Die Filmkritiker sehr wohl.

Nouveau roman de Jimmy Djem

Nous félicitons notre collègue Jimmy Djem qui viens de publier son roman The Dark Side of the Soul.